Biden hatte fünf Stunden lang versucht, eine Alternative für McChrystal zu entwerfen, die er ‚Antiterrorismus Plus’ genannt hat. Statt einer großen Menge Soldaten zu senden, war der Plan darauf konzentriert, was er als die echte Bedrohung ansah: Al Qaeda. Diese Strategie betonte die Zerstörung der terroristischen Gruppe mittels der Ermordung oder der Ergreifung ihrer führenden Köpfe. Biden dachte, dass es möglich sei, Al Qaeda zu überzeugen, nicht nach Afghanistan zurückzukehren, und so zu vermeiden, die kostspielige Mission zum Schutz des afghanischen Volkes in Angriff zu nehmen.

Biden dachte, dass Al Qaeda jenem Weg folgen würde, wo sie den geringsten Widerstand antreffen würde, und dass sie unter folgenden Voraussetzungen nicht zu ihren Herkunftsplätzen zurückkehren würden:

1. Wenn die Vereinigten Staaten mindestens zwei Stützpunkte (Baram und Khandahar) halten, damit die Special Force überall im Land handeln können;

2. Wenn die Vereinigten Staaten genug Soldaten haben, um den afghanischen Luftraum zu kontrollieren;

3. Wenn die menschlichen Geheimdienstnetze in Afghanistan ihnen Informationen über die von den Spezialstreitkräften anzugreifenden Ziele geben;

4. Wenn die CIA-Elite, eine Streitkraft aus 3.000 Afghanen für antiterroristische Operationen, sich frei bewegen kann.

Afghanistan müsste zu einer etwas feindlichere Umgebung für Al Qaeda werden als Pakistan, damit sie sich entscheiden, nicht zurückzukehren.

Obama brauchte jemand, der ihm eine Richtschnur ist. Er war nur vier Jahre lang im Senat gewesen und Biden 35. Der Präsident dachte, dass die Militärs ihn nicht unter Druck setzen könnten, aber sie konnten einen unerfahrenen Präsident fertig machen. Biden kam zu Obama, und dieser sagte zu ihm: ‚Du bist derjenige, der diese Leute kennt. Du hast grünes Licht. Stelle sie unter Druck’.

Später hat Obama gestanden, dass er wollte, dass sein Vizepräsident ein aggressiver Lästerer wäre, der genau sagt, was er denkt, und die schwierigsten Fragen stellt, weil er davon überzeugt war, dass dies die beste Art und Weise sei, dem Volk und den Truppen zu dienen, in dem man eine heftige Debatte über diese Themen von Leben oder Tod führt.

Obama hat eine kleine Gruppe der erfahrensten Mitglieder seines Nationalen Sicherheitsrates aufgerufen, den von McChrystal ausgearbeiteten vertraulichen Bericht von 66 Seiten zu analysieren, der zusammenfassend sagte, dass der Krieg möglicherweise in den nächsten 12 Monaten scheitern würde, wenn keine weiteren Truppen geschickt würden. Der Präsident fügte hinzu, dass die Optionen in diesem Fall nicht gut seien und erklärte, dass er die vom General oder anderen Personen vorgeschlagene Lösung nicht automatisch akzeptieren wird. ‚Wir müssen das mit dem Geist, unserem eigenen Dünkel zu trotzen, in Angriff nehmen´.

Peter Lavoy, stellvertretender Analytik-Leiter des Direktorbüros der DNI, war der Meinung, dass Bin Laden und seine Organisation nach den Angriffen von unbemannten Flugzeugen Schläge erlitten hatten und belagert, aber nicht zunichte gemacht worden waren, und dass Al Qaeda zum Blutsauger der Taliban geworden ist.

Obama wollte wissen, ob es möglicht sei oder nicht, Al Qaeda zu besiegen und wie; ob es nötig sei, die Taliban zu zerstören, um Al Qaeda zu vernichten; was könnte man in den nächsten Jahren erreichen; welche Art der Präsenz braucht man in Afghanistan, um dort eine effiziente antiterroristische Plattform zu besitzen.

Was nicht gesagt wurde und alle wussten, war, dass ein Präsident einen Krieg nicht verlieren kann und auch nicht zeigen kann, dass er davor steht, ihn zu verlieren. Obama sagte, dass es nötig sein wird, fünf Jahre lang zu arbeiten, und schlug vor, andere Prioritäten des Landes zu berücksichtigen.”