Einige Beamte der US-amerikanischen Regierung beschrieben die Regierung
Obamas indem sie die afghanische Terminologie verwendeten und sagten, die
Präsidentschaft sei von „Stämmen“ bevölkert, was ihre Spaltungen
widerspiegelte. Hyllarys Stamm wohne im State Department; der Stamm von Chicago
besetze die Büros von Axelrod und Emmanuel; der Stamm der
Präsidentschaftskampagne besetze den Nationalen Sicherheitsrat, welcher vom
Kabinettschef Mark Lippert und vom Direktor für strategischen Kommunikationen,
Denis McDonough geleitet sei. Diese Gruppe nannten sie die ‚Aufständischen'.
Die Niederlage der Taliban forderte mehr Truppen, Geld und Zeit als ihre
Zerlegung. Die Niederlage bedeutete eine bedingungslose Kapitulation, eine
totale Kapitulation; den Sieg, das Gewinnen im weitesten Sinne des Wortes, d.h.
die Taliban völlig zu zerstören.
Richard Holbrooke zeigte sich pessimistisch bezüglich der Wahlen vom 20.
August in Afghanistan und erklärte: ‚Wenn es 10 mögliche Ergebnisse in
Afghanistan gäbe, dann sind 9 von ihnen schlecht. Alle schwanken zwischen dem
Bürgerkrieg und der Regellosigkeit.’
Sobald die Wahllokale am 20. August geschlossen wurden, gab es Berichte
über Betrug an den Wahlurnen. Aus Sicherheitsgründe verließen viele der Beamten
der Vereinten Nationen und des State Department nicht ihre Wohnhäuser, um die
Wahllokale zu besuchen.
Am Folgetag der Wahlen hatten Holbrooke und der US-amerikanische
Botschafter eine Zusammenkunft mit Karzai und fragten ihn, was er tun würde,
wenn es eine zweite Runde gäbe. Karzai sagte, er sei wieder gewählt worden und
es werde keine zweite Runde geben.
Nach der Zusammenkunft rief Karzai das Operationszentrum des State
Department an und bat darum, mit Obama oder Hillary zu sprechen. Der
US-amerikanische Botschafter empfahl dem Präsidenten, den Anruf nicht
anzunehmen, denn Karzai sei in die Defensive gegangen, indem er sagte, dass
eine zweite Runde unmöglich sei. Obama war damit einverstanden, nicht mit ihm
zu sprechen.
Die Geheimdienstberichte beschrieben Karzai als eine in immer höherem Grade
wahnsinnige und paranoische Person. Karzai sagte zu ihnen: ‚Sie sind gegen
mich. Es ist ein Komplott zwischen den US-Amerikanern und den Briten.’
Im August wurde eine Gruppe gebildet, um die Mitglieder der strategischen
Gruppe von General McChrystal, die gerade aus Afghanistan zurückgekommen waren,
zu interviewen und herauszufinden, was vor Ort gerade geschieht, wie der Krieg
läuft, was funktioniert und was nicht. McChrystal übergab der Gruppe drei
Fragen, die sie als Richtlinien untersuchen sollten: Ist es möglich, die
Mission zu erfüllen? Und wenn ja, was muss geändert werden, um die Mission zu
erfüllen? Sind mehr Ressourcen nötig, um die Mission zu erfüllen?
McChrystal bat die Gruppe darum, pragmatisch zu sein und sich auf jene
Sachen zu konzentrieren, die wirklich funktionierten.
Die Gruppe war zu dem Schluss gekommen, dass die Armee das afghanische Volk
relativ wenig verstand. Sie konnte nicht begreifen, wie sehr die von den
Taliban geführten Einschüchterungskampagnen die Bevölkerung schädigten. Die
Sammlung von Geheimdienstinformation war eine Katastrophe. Die Gruppe fand
heraus, dass 70 Prozent der Geheimdienstanforderungen auf den Feind hinzielte.
Einige Gruppenmitglieder dachten, dass innerhalb von ein oder zwei Jahren der
Krieg völlig amerikanisiert sein wird. Die US-Amerikaner bevorzugten, dass die
Verbündeten der NATO Geld und Berater für die afghanischen Sicherheitskräfte
einbringen anstatt dass sie im ganzen Land herumstreichen und Luftunterstützung
anfordern, um die verdächtig aussehenden Afghanen anzugreifen.
Die Gruppe hatte nur schlechte Nachrichten für McChrystal. Es könnte die
beste Kampagne der Weltgeschichte gegen die Aufständischen geführt werden, und
selbst so würde diese wegen der Schwäche und der Korruption innerhalb der
afghanischen Regierung scheitern. McChrystal sah aus, als ob er von einem Zug
überfahren worden wäre. Trotzdem bedankte er sich bei der Gruppe.
McChrystal teilte Gates mit, er brauche 40. 000 Mann mehr. Nach langen
Diskussionen versprach ihm Gates, er werde ihm so viele Truppen geben, wie er
könne, solange er könne. Und sagte zu ihm: ‚Sie haben ein Kampffeld dort und
ich habe ein Kampffeld hier.’